Amateurfunk & BOS

BOS-Funk für Funkamateure erklärt

Du kennst Rufzeichen, Relais, Q-Gruppen und Rapporte. Im BOS-Funk gibt es davon nichts. Hier steht, wie die andere Funkwelt aufgebaut ist, in Begriffen, die du bereits kennst.

Wer aus dem Amateurfunk zum ersten Mal BOS-Funk hört, erkennt die Betriebstechnik sofort wieder und stolpert trotzdem über fast jedes Wort. Kein Rufzeichen, keine Bandangabe, kein Rapport, dafür Zahlenkolonnen, die offenbar jeder versteht. Der Grund ist kein anderer Funkstil, sondern ein anderer Zweck: Im Amateurfunk ist die Verbindung selbst das Ziel, im BOS-Funk ist sie nur Mittel zur Führung eines Einsatzes. Dieser Unterschied erklärt praktisch jede Eigenheit, die dir auffallen wird.

Der grundlegende Unterschied: Person gegen Funktion

Im Amateurfunk ist das Rufzeichen personengebunden. Es gehört dir, du nimmst es mit, es identifiziert dich und niemanden sonst. Im BOS-Funk ist es genau umgekehrt: Der Funkrufname gehört einer taktischen Einheit oder einem Fahrzeug. Wer gerade das Mikrofon in der Hand hält, ist am Funk vollkommen unerheblich.

Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Absicht. Die Einsatzleitung muss wissen, dass sie mit dem ersten Löschfahrzeug spricht, und nicht, mit welcher Person. Personal wechselt, Fahrzeuge und Funktionen bleiben. Ein Funkrufname wie

Florian Pinneberg 10-44-1

sagt der Leitstelle: Feuerwehr (Kennwort „Florian“), Kreis Pinneberg, Gemeinde 10, Fahrzeugtyp 44 (Löschgruppenfahrzeug), erstes Fahrzeug dieses Typs. Die gesamte Information steckt in einer einzigen gesprochenen Zeile. Ausführlich steht das unter Funkrufnamen und taktische Rufnamen und Funkrufnamen der Hilfsorganisationen.

Die wichtigste Umgewöhnung: Im Amateurfunk fragst du „Wer bist du?“. Im BOS-Funk fragst du „Was bist du?“. Ein Funkrufname beantwortet Organisation, Ort, Fahrzeugtyp und laufende Nummer, aber niemals die Frage, welcher Mensch spricht.

Die Übersetzungstabelle

Vieles, was du kennst, hat in der BOS-Welt eine Entsprechung, nur unter anderem Namen. Die Tabelle ist der schnellste Weg, sich zurechtzufinden. Die Gleichsetzungen sind bewusst didaktisch und nicht in jedem Detail technisch deckungsgleich, dazu weiter unten mehr.

Amateurfunk BOS-Funk Wichtiger Unterschied
Rufzeichen (DL1ABC) Funkrufname (Florian Pinneberg 10-44-1) personen- gegen funktionsgebunden
Zuteilung durch die BNetzA Zuteilung durch die Organisation bzw. das Land keine persönliche Prüfung, sondern Ausbildung und Einweisung
Band (2 m, 70 cm) Rufgruppe (TMO) bzw. DMO-Kanal im BOS wählt man keine Frequenz, sondern eine Gruppe
Relais / Repeater TMO über Basisstation, Repeater nur als Sonderbetrieb bundesweites Netz statt Einzelrelais
Simplex / Direktverkehr DMO (Direct Mode Operation) begrifflich fast identisch
QSO Funkverkehr, Funkgespräch im BOS immer zweckgebunden
CQ-Ruf Sammelruf (selten, meist Rundspruch der Leitstelle) im BOS kein offener Anruf an alle
QRZ? / QRL? „Wer ruft?“, „Ist der Kanal frei?“ in Klartext keine Q-Gruppen im Sprechfunk
Rapport (59) Verständigungsangabe („laut und deutlich“) kein RST-System, nur Klartext
Logbuch Funktagebuch / Einsatztagebuch dienstliches Dokument, nicht privat
Contest / Fieldday Funkübung, Regiebuchübung Ziel ist Ausbildung, nicht Punktzahl
QSL-Karte gibt es nicht Verbindungen werden nicht bestätigt, sondern protokolliert

Rufgruppe statt Frequenz

Der für Funkamateure ungewohnteste Punkt: Im Digitalfunk BOS wählt niemand eine Frequenz. Gewählt wird eine Rufgruppe, im Prinzip ein benannter Gesprächskreis, den das Netz verwaltet. Welche Frequenz das Gerät gerade benutzt, entscheidet die Technik und interessiert die Einsatzkraft nicht.

Das ist der Kern eines Bündelfunknetzes: Der Digitalfunk BOS beruht auf dem TETRA-Standard (Wikipedia: Terrestrial Trunked Radio) und wird von der Bundesanstalt für den Digitalfunk der BOS betrieben (BDBOS: Digitalfunk BOS). Statt eines Relais pro Berg gibt es ein zusammenhängendes, bundesweites Netz aus Basisstationen. Zwei Betriebsarten musst du auseinanderhalten:

  • TMO (Trunked Mode Operation): Betrieb über das Netz. Am ehesten Relaisbetrieb, aber mit Vermittlung, Gruppenverwaltung und bundesweiter Reichweite.
  • DMO (Direct Mode Operation): Gerät zu Gerät, ohne Netz. Das ist dein Simplexbetrieb, im Einsatz genutzt für den Nahbereich, im Gebäude oder dort, wo kein Netz mehr trägt.

Wie das im Detail funktioniert, steht unter BOS-Funk: Grundlagen des Sprechfunks.

Die OPTA ist kein Rufzeichen

Ein Begriff, der Funkamateure zuverlässig in die Irre führt, ist die OPTA, die Operativ-Taktische Adresse. Sie klingt nach einem Rufzeichen, ist aber keins. Die OPTA ist eine 24 Stellen lange Kennung, die im Gerät hinterlegt ist und im Display der Gegenstelle erscheint. Gesprochen wird sie so gut wie nie.

Die passendere Analogie ist eine Gerätekennung, so wie bei einem digitalen Betriebsmodus eine Stationskennung mitläuft, während im Sprechfunk trotzdem das Rufzeichen gesagt wird. Am BOS-Funk gilt: gesprochen wird der Funkrufname, technisch mitgeführt wird die OPTA. Die vollständige Systematik steht unter OPTA im Digitalfunk erklärt.

Verschlüsselt statt offen: der schärfste Gegensatz

Hier stehen die beiden Funkdienste diametral zueinander, und das ist der Punkt, an dem die meisten Missverständnisse entstehen.

Im Amateurfunk ist Offenheit konstitutiv. Jede Verschleierung des Sinns einer Aussendung ist unzulässig, jede Verbindung ist für jeden mithörbar, das ist Teil des Wesens des Dienstes. Im BOS-Funk ist es umgekehrt: Der Digitalfunk BOS ist durchgehend verschlüsselt, weil regelmäßig personenbezogene Daten (Patientendaten, polizeiliche Erkenntnisse) und einsatztaktische Informationen übertragen werden. Ein Mithören ist weder vorgesehen noch zulässig.

Praktische Folge: Du kannst BOS-Funk nicht „mal eben mithören“, um dich einzuarbeiten, wie du es bei einem Relais tun würdest. Der Zugang führt ausschließlich über die Mitgliedschaft in einer berechtigten Organisation und die dort vorgeschriebene Sprechfunkausbildung.

Die BOS-Struktur: warum dein Ansprechpartner selten der Richtige ist

Dieser Abschnitt ist der praktisch wichtigste des ganzen Artikels, und er hat mit Funktechnik nichts zu tun. Wer aus dem Amateurfunk Kontakt zur BOS-Welt sucht, scheitert fast nie an der Technik, sondern daran, dass er die falsche Person anspricht und deren Antwort falsch deutet.

Der Klassiker: Ein Funkamateur spricht beim Tag der offenen Tür einen THW-Helfer an und schlägt eine Zusammenarbeit im Notfunk vor. Der Helfer findet die Idee gut. Danach passiert: nichts. Kein Kontakt zum Katastrophenschutz-Führungsstab des Landkreises, keine Rückmeldung, keine Vereinbarung. Der Funkamateur schließt daraus, die BOS habe kein Interesse.

Tatsächlich war der Vorschlag nie irgendwo angekommen, wo darüber entschieden werden kann. Und das lag weder an Desinteresse noch an Unhöflichkeit, sondern an drei Eigenheiten der BOS-Welt, die von außen unsichtbar sind.

1. Der Föderalismus: es gibt keine „deutsche BOS“

Gefahrenabwehr ist in Deutschland Ländersache. Es gibt kein Bundes-Feuerwehrgesetz und keine bundesweit einheitliche Regelung, sondern 16 Landesgesetze mit teils erheblich unterschiedlichen Begriffen, Zuständigkeiten und Verfahren. Selbst Funkrufnamen und Kennzahlen legt jedes Land eigenständig fest.

Für dich heißt das: Eine Auskunft, die in Bayern richtig ist, kann in Schleswig-Holstein falsch sein. Und eine Vereinbarung, die ein Distrikt mit einem Innenministerium schließt, gilt genau für dieses Bundesland. Wer bundesweit verallgemeinert, liegt fast immer daneben.

2. Die Flughöhen: wer entscheidet was

Das ist der Punkt aus dem Beispiel oben. Die BOS-Welt ist in Ebenen gegliedert, die fachlich und rechtlich voneinander getrennt sind. Ein Vorschlag muss auf der richtigen Ebene landen, sonst versandet er, egal wie gut er ist:

Ebene Wer dort arbeitet Worüber dort entschieden wird
Einsatzkraft / Helfer Feuerwehrangehöriger, THW-Helfer, Rettungsdiensthelfer Nichts von dem, was du willst. Führt Aufträge aus, vertritt die Organisation nicht nach außen.
Einheit Ortsfeuerwehr, THW-Ortsverband, DRK-Bereitschaft Frage hier an, wenn du in deinem Ort unterstützten möchtest. Eigener Dienstbetrieb, eigene Übungen. Kann mit dir üben, aber nichts für den Landkreis zusagen.
Kommunale Gefahrenabwehr Gemeinde bzw. Stadt als Träger der Feuerwehr, Wehrführung Ausstattung und Ausbildung der örtlichen Feuerwehr.
Landkreis / kreisfreie Stadt Katastrophenschutzbehörde, Kreisbrandmeister, Führungsstab (S1 bis S6) Hier gehört dein Anliegen hin. Katastrophenschutzplanung, Kommunikationskonzept, Vereinbarungen mit Dritten.
Land Innenministerium, Landesfeuerwehrschule, Landesamt Gesetze, landesweite Rahmenvereinbarungen, Digitalfunk-Regelungen.
Bund BBK, THW-Leitung, BDBOS Zivilschutz, Bundesanstalten, Betrieb des BOS-Netzes.

Der Führungsstab des Landkreises ist dabei die Stelle, an der Kommunikationsplanung für Einsatzlagen im Katastrophen-Maßstab tatsächlich gemacht wird. Dort gibt es eine Sachgebietsgliederung, und für Information und Kommunikation ist das Sachgebiet S6 zuständig. Wenn du eine Notfunk-Zusammenarbeit anstoßen willst, ist das dein Ziel, nicht der Helfer am Fahrzeug.

3. Die strikte Trennung der Organisationen

Auch das überrascht regelmäßig: Feuerwehr, THW, DRK, ASB, Johanniter, Malteser und DLRG sind eigenständige Organisationen mit eigenen Trägern, eigenen Rechtsgrundlagen, eigenen Funkrufnamen und eigener Führung. Das THW ist eine Bundesanstalt, die Feuerwehr ist kommunal, das DRK ist ein eingetragener Verein. Sie arbeiten im Einsatz zusammen, aber keine spricht für die andere.

Der THW-Helfer aus dem Beispiel konnte den Kontakt zum Führungsstab des Landkreises also selbst dann nicht herstellen, wenn er gewollt hätte: Das THW ist eine andere Organisation als die Kreisverwaltung, und er hätte dort ebenso als Außenstehender angefragt wie du. Wie das Zusammenwirken funktioniert, steht unter Organisationsübergreifend funken.

Was du daraus praktisch machst

  • Sprich die Ebene an, die entscheiden kann. Für eine Notfunk-Vereinbarung ist das die Katastrophenschutzbehörde des Landkreises oder der kreisfreien Stadt, dort möglichst das Sachgebiet S6 des Führungsstabs.
  • Nimm ein „interessant, aber ich bin nicht zuständig“ wörtlich. Es ist keine höfliche Absage, sondern eine sachlich richtige Auskunft. Frag direkt nach, wer zuständig ist.
  • Bring ein konkretes Angebot mit. Nicht „wir könnten helfen“, sondern: welche Verbindung zwischen welchen zwei Punkten, mit welcher Technik, mit wie vielen Leuten, in welcher Zeit verfügbar.
  • Erwarte keine schnelle Zusage. Behördliche Vereinbarungen brauchen Vorlauf, Rücksprachen und meist Schriftform. Das ist normal und kein Desinteresse.
  • Geh über den Ortsverband, nicht allein. Ein Anliegen, das der DARC-Ortsverband und das Notfunkreferat des Distrikts mittragen, wird deutlich ernster genommen als eine Einzelinitiative.

Der vollständige Weg mit allen Schritten steht unter Notfunk: Wie BOS, DARC-Ortsverband und Funkamateure zusammenarbeiten.

Wer überhaupt am BOS-Funk teilnehmen darf

Das Amateurfunkzeugnis berechtigt zum Amateurfunkdienst, und ausschließlich dazu (Bundesnetzagentur: Amateurfunk). Für den BOS-Funk ist es ohne jede Bedeutung, so gut die fachliche Vorbildung auch sein mag.

Unmittelbar am BOS-Funk berechtigt sind Polizeien, öffentliche Feuerwehren, das THW sowie Katastrophenschutz- und Zivilschutzbehörden. Hilfsorganisationen wie DRK, ASB, JUH, MHD und DLRG benötigen ein Anerkennungsverfahren (Funkrichtlinie Digitalfunk BOS, Anerkennungsrichtlinie). Wer als Funkamateur in einer dieser Organisationen aktiv ist, funkt dort mit deren Geräten unter deren Funkrufnamen, nicht unter dem eigenen Rufzeichen.

Umgekehrt gilt dasselbe: Ein BOS-Sprechfunklehrgang berechtigt nicht dazu, auf Amateurfunkfrequenzen zu senden. Dafür braucht es die Prüfung bei der Bundesnetzagentur. Beides sind eigenständige Funkdienste mit eigenen Rechtsgrundlagen, die sich in keinem Punkt gegenseitig ersetzen.

Die Sprechregeln: knapper, als du denkst

Betriebstechnisch wirst du dich schnell zurechtfinden, denn die Grundlogik ist dieselbe. Die BOS-Redewendungen sind allerdings fest, deutschsprachig und deutlich sparsamer als der übliche Amateurfunk-Umgangston:

Redewendung Bedeutung Entspricht am ehesten
„kommen“ Ende meiner Durchsage, ich erwarte Antwort „over“
„verstanden“ Inhalt aufgenommen und verstanden „roger“, QSL
„wiederholen“ Durchsage noch einmal geben „say again“, QRS/QRZ-Nachfrage
„Ende“ Gespräch abgeschlossen „out“, „73“ entfällt
„Ich buchstabiere“ es folgt buchstabiert Buchstabieren nach Tafel
„Frage“ es folgt eine Rückfrage keine feste Entsprechung

Der auffälligste Unterschied im Stil: Im BOS-Funk gibt es keine Begrüßung, keinen Namen, keinen Standort, keine Wetterlage und keinen Gerätevergleich. Eine vollständige Verbindung kann aus vier gesprochenen Zeilen bestehen. Jede Sekunde Sendezeit blockiert die Rufgruppe für alle anderen, und in einer Lage warten oft ein Dutzend Teilnehmer auf genau diesen Moment.

Buchstabiert wird nach fester Tafel, in Deutschland traditionell mit Vornamen („Anton, Berta, Cäsar“) und seit der Neufassung DIN 5009:2022 mit Städtenamen („Aachen, Berlin, Chemnitz“), nicht nach dem NATO-Alphabet, das du aus dem internationalen Amateurfunk gewohnt bist. Alle drei Tafeln stehen im Vergleich unter Buchstabiertafel, dort auch als Taschenkarte zum Ausdrucken.

Der Kulturschock: Funk ist Werkzeug, nicht Gespräch

Das ist erfahrungsgemäß die größte Umstellung, und sie hat mit Technik überhaupt nichts zu tun. Im Amateurfunk ist die Kommunikation selbst der Zweck. Man funkt, um zu funken. Ein Gruß, ein Dank, eine Bemerkung zum Wetter, ein kurzer Austausch über die Antenne: Das ist nicht überflüssiges Beiwerk, sondern genau das, worum es geht. Höflichkeit ist Teil der Betriebskultur.

In der BOS-Welt ist Funk ein Werkzeug. Er dient dazu, eine Information von A nach B zu bringen, fehlerfrei und in möglichst kurzer Zeit. Das erklärte Ziel ist, möglichst wenig zu reden. Wer wenig sendet, hält die Rufgruppe für andere frei, und in einer Lage warten oft mehrere Teilnehmer genau auf diesen Moment.

Aus der Praxis: Genau an dieser Stelle entstehen zu Beginn einer Zusammenarbeit die meisten Missverständnisse, und zwar in beide Richtungen. Die BOS-Seite empfindet den lockeren Ton als undiszipliniert, die Amateurfunkseite die knappe Ansprache als unhöflich oder gar unfreundlich. Beides ist falsch verstanden: Es sind zwei Betriebskulturen, die beide in ihrer eigenen Welt richtig sind.

Funkamateure, die bei einer BOS-Übung mitmachen, müssen sich das kurze, auf das Wesentliche reduzierte Sprechen regelrecht angewöhnen. Es geht nicht von allein und es fühlt sich anfangs unangenehm an. Drei Gewohnheiten sind es konkret, die bewusst abgelegt werden müssen:

Im Amateurfunk normal Am BOS-Funk Warum
Begrüßung, Name, Standort, Wetter entfällt vollständig keine Information für die Einsatzleitung
„Bitte“, „danke“, „vielen Dank für das QSO“ entfällt Sendezeit, die anderen fehlt
Rapport, Gerätevergleich, Antennenlob entfällt gehört nicht zur Lage
Ausführliche Erklärung des Sachverhalts Meldung nach festem Schema Gegenstelle muss mitschreiben können
Verabschiedung mit „73“ „Ende“ Verbindung ist abgeschlossen, mehr nicht

Ein hilfreiches Bild für die Umgewöhnung: Stell dir vor, du diktierst jemandem etwas, das er sofort mitschreiben und weitergeben muss, während zehn andere darauf warten, selbst dranzukommen. Alles, was in diesem Bild überflüssig wäre, ist es am BOS-Funk auch.

Und die faire Gegenrichtung, damit kein falscher Eindruck entsteht: Die BOS-Kultur ist nicht die bessere, sie ist die für den Einsatz passende. Wer nach einer Übung im Vereinsheim sitzt, darf und soll wieder normal reden. Die Knappheit gilt auf der Frequenz, nicht als Charaktereigenschaft.

Kein Durcheinander: die Verkehrsabwicklung ist geregelt

Der zweite große Unterschied hängt eng damit zusammen. Amateurfunkbetrieb läuft im Kern unkoordiniert ab, und das ist völlig in Ordnung: Es gibt keine vorgeschriebenen Betriebsworte, keine Hierarchie und keine Instanz, die den Verkehr ordnet. Jeder spricht mit jedem. Die einzige wirkliche Regel lautet, niemanden zu unterbrechen und die Frequenz nicht zu blockieren. Das funktioniert, weil im Normalbetrieb niemand unter Zeitdruck steht.

Der BOS-Funk ist an dieser Stelle deutlich strikter, und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn zwanzig Einheiten an einer Lage arbeiten und jede spricht, wann sie möchte, bricht die Verständigung zusammen, und zwar genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Deshalb ist die Verkehrsabwicklung durchstrukturiert:

Amateurfunk BOS-Funk
Wer ordnet den Verkehr niemand, allenfalls freiwillig eine Netzkontrollstation die Leitstelle/Führungsstelle der Rufgruppe und eine Kommunikationsskizze
Betriebsworte keine vorgeschriebenen, Q-Gruppen üblich feste, verbindliche Redewendungen
Hierarchie keine, alle gleichrangig klar, Führungsstruktur bildet sich am Funk ab
Wer darf senden wer gerade nichts unterbricht wer gerufen wurde oder dringenden Anlass hat
Rangfolge von Meldungen keine ja, Vorrang für dringende Meldungen
Aufzeichnung freiwilliges Logbuch Funktagebuch als dienstliches Dokument

Für dich heißt das vor allem eins: Am BOS-Funk wartest du, bis du gerufen wirst. Wer ungefragt sendet, weil er gerade etwas beizutragen hat, stört, auch wenn der Beitrag inhaltlich richtig ist. Was im Amateurfunk als Beteiligung gilt, ist hier eine Unterbrechung. Umgekehrt gilt: Wirst du gerufen, antwortest du sofort und knapp, denn die Gegenstelle plant mit deiner Antwort.

Die Meldung hat eine feste Form

Was es im Amateurfunk in dieser Strenge nicht gibt, ist der genormte Meldungsaufbau. Eine BOS-Meldung ist kein freies Gespräch, sondern folgt einem Schema, das die Gegenstelle mitschreiben kann, ohne nachzufragen. Der Anruf lautet immer:

<Gerufener> von <Rufendem> – kommen

Also: „Florian Pinneberg 10-44-1 von Leitstelle West, kommen.“ Erst der Gerufene, dann der Rufende. Wer aus dem Amateurfunk kommt, dreht das anfangs zuverlässig um, weil dort „DL1ABC von DL2XYZ“ dieselbe Reihenfolge hat, aber der CQ-Ruf und die übliche Vorstellungsrunde das Muster überlagern.

Für den Inhalt gibt es feste Meldearten, etwa die Lagemeldung nach dem Schema „Wer meldet, was ist passiert, wo, wie viele Betroffene, welche Maßnahmen laufen, was wird nachgefordert“. Für Einsatzkräfte ist das der eigentliche Kern der Sprechfunkausbildung, und genau das wird in Funkübungen trainiert.

Was du als Funkamateur bereits mitbringst

Der Wechsel ist leichter, als die Begriffsliste vermuten lässt. Vier Dinge kannst du sofort:

  • Sprechdisziplin. Deutlich sprechen, Mikrofon richtig halten, kurz vor dem Sprechen tasten. Das sitzt bei dir längst.
  • Buchstabieren. Die Tafel ist eine andere, das Prinzip ist identisch.
  • Zuhören und mitschreiben. Wer Contest-Betrieb kennt, nimmt Zahlen und Kennungen unter Zeitdruck fehlerfrei auf. Das ist im Einsatz Gold wert.
  • Technisches Verständnis. Ausbreitung, Antennen, Feldstärke, Stromversorgung. In der Lage, in der das Netz ausfällt, ist das genau das Wissen, das sonst niemand im Raum hat.

Was du dagegen bewusst ablegen musst, ist der Gesprächscharakter. Kein „vielen Dank für das nette QSO“, kein Rapport, kein Rufzeichen am Ende jeder Übertragung. Die Meldung ist fertig, wenn die Information übergeben ist.

Häufige Fragen

Kann ich mit meinem Amateurfunkgerät im BOS-Netz funken?

Nein, technisch nicht und rechtlich erst recht nicht. Der Digitalfunk BOS arbeitet im TETRA-Standard in einem eigenen Frequenzbereich, mit Verschlüsselung und mit Endgeräten, die im Netz einzeln registriert und freigeschaltet sind. Ein Amateurfunkgerät kann sich dort nicht anmelden.

Warum sagen BOS-Kräfte nie ihren Namen?

Weil die Funktion die Information ist. Für die Einsatzleitung ist entscheidend, dass der Gruppenführer des ersten Löschfahrzeugs meldet, nicht wie er heißt. Bei Führungskräften wird die Funktion mitgeführt, etwa als eigener Funkrufname für den Einsatzleiter oder den Organisatorischen Leiter Rettungsdienst.

Gibt es im BOS-Funk so etwas wie einen Fieldday?

Das Gegenstück ist die Funkübung, allerdings mit anderem Zweck: Nicht Verbindungen sammeln, sondern die Verkehrsabwicklung unter Last trainieren. Wie so etwas aufgebaut wird, steht unter Wie erstelle ich eine Funkübung. Wenn du das Format auf den Amateurfunk übertragen willst, ohne mit dem Amateurfunkgesetz in Konflikt zu geraten, führt der Weg über Funkübungen im BOS-Stil für Funkamateure.

Quellen und weiterführende Belege

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Lege eine Funkübung mit Funkrufnamen, Meldungen und Zeitplan an und übe den Meldeaufbau, den du hier gerade gelesen hast.

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