Funkamateure gelten in der BOS-Welt entweder als Technikfreaks ohne Einsatzbezug oder als heimliche Reserve für den Blackout. Beides trifft nicht zu. Der Amateurfunkdienst ist ein eigenständiger, gesetzlich geregelter Funkdienst mit staatlicher Prüfung, mit erheblicher technischer Tiefe und mit einer ausdrücklich im Gesetz genannten Aufgabe bei Not- und Katastrophenfällen. Wer als Feuerwehr, THW oder Hilfsorganisation mit Funkamateuren zusammenarbeiten will, sollte deren Regeln kennen, sonst entstehen Erwartungen, die niemand erfüllen kann.
Was der Amateurfunkdienst rechtlich ist
Der Ausgangspunkt steht im Amateurfunkgesetz. § 2 AFuG definiert den Amateurfunkdienst als einen Funkdienst,
„der von Funkamateuren untereinander, zu experimentellen und technisch-wissenschaftlichen Studien, zur eigenen Weiterbildung, zur Völkerverständigung und zur Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen wahrgenommen wird“ (AFuG 1997, § 2).
Zwei Dinge sind daran für dich entscheidend. Erstens: Die Unterstützung von Hilfsaktionen steht ausdrücklich im Gesetz, sie ist also keine Grauzone und keine Eigeninitiative einzelner. Zweitens, und das wird oft überlesen: Der Amateurfunkdienst ist kein Sicherheitsfunkdienst. Er hat keinen Auftrag, keine Vorhaltepflicht, keine garantierte Verfügbarkeit und keine Einsatzhierarchie. Wer damit plant, plant mit Freiwilligen, nicht mit einer Einheit.
Der Satz, den du dir merken solltest: Funkamateure dürfen helfen und wollen es meistens auch. Sie müssen es aber nicht, und sie können nicht alarmiert werden. Jede belastbare Zusammenarbeit muss deshalb vorher vereinbart sein, siehe Notfunk: Wie BOS und Funkamateure zusammenarbeiten.
Es gibt nicht „den Amateurfunk“ als Ansprechpartner
Der wichtigste organisatorische Unterschied, und der, an dem Kontaktversuche am häufigsten scheitern: In deiner Welt gibt es für jede Organisation eine Führungsstruktur mit einer zuständigen Stelle. Im Amateurfunk gibt es das nicht. Der Amateurfunkdienst ist keine Organisation, sondern ein Funkdienst, den einzelne Personen mit eigener Zulassung ausüben. Jeder Funkamateur ist zunächst einmal ein Einzelner mit einer persönlichen Prüfung und einem persönlichen Rufzeichen, sonst nichts.
Vereine gibt es zwar, aber sie sind freiwillig. Von den rund 61.000 Funkamateuren in Deutschland ist etwa die Hälfte im DARC organisiert, der mit rund 31.600 Mitgliedern der größte Verband ist (Wikipedia: Deutscher Amateur-Radio-Club, DARC: Teilnehmerzahlen am Amateurfunkdienst (BNetzA)). Die andere Hälfte ist in keinem Verband, und das ist völlig normal und in keiner Weise ein Makel. Wer nicht im DARC ist, funkt genauso legal und oft genauso gut.
Die Konsequenz für dich: Es gibt keine Stelle, die „für den Amateurfunk im Landkreis“ spricht oder gar Zusagen für alle machen könnte. Wer ansprechbar ist, ist der örtliche Ortsverband, und der vertritt auch nur seine eigenen Mitglieder. Eine Zusage des Ortsverbands bindet niemanden sonst, und selbst Mitglieder verpflichtet sie nicht, denn die Teilnahme bleibt freiwillig.
Wie der DARC aufgebaut ist
Wenn du Kontakt suchst, hilft es, die Ebenen zu kennen. Der DARC gliedert sich in 24 Distrikte und rund 1.000 Ortsverbände. Die Distrikte tragen Buchstaben, die Ortsverbände sind darin durchnummeriert; zusammen ergibt das den DOK, etwa „A01“:
| Ebene | Was das ist | Grob vergleichbar mit | Wofür relevant |
|---|---|---|---|
| Bundesverband | DARC e. V., Referat für Not- und Katastrophenfunk | Bundesverband einer Hilfsorganisation | Grundsätze, Rahmenvereinbarungen, Material |
| Distrikt (24, Buchstabe) | Landes- bzw. Regionalebene, oft mit eigenem Notfunkreferat | Landesverband | Vereinbarungen mit Landesbehörden, Ansprechpartner |
| Ortsverband (rund 1.000, z. B. A01) | Die Ebene vor Ort, mit Klubstation und Vorstand | Ortsverein, Ortsverband | Dein tatsächlicher Ansprechpartner |
| Einzelner Funkamateur | Person mit Zulassung, mit oder ohne Verein | gibt es so bei euch nicht | Kann mitmachen, muss aber nichts |
Daneben gibt es weitere Verbände, etwa den VFDB mit rund 2.000 Mitgliedern in etwa 97 Ortsverbänden, der dem DARC korporativ angeschlossen ist. Für die Praxis heißt das: Auch die Verbandslandschaft selbst ist nicht einheitlich.
Und der entscheidende Unterschied zu eurer Struktur: Diese Ebenen sind keine Befehlskette. Der Distrikt weist dem Ortsverband nichts an, und der Ortsverband weist seinen Mitgliedern nichts an. Es sind Vereinsebenen, keine Führungsebenen. Wer das als Hierarchie liest, plant falsch.
Praktisch heißt das für den Kontaktaufbau: Sprich den Ortsverband an und, wenn es um eine belastbare Vereinbarung gehen soll, zusätzlich das Notfunkreferat des Distrikts. Erwarte keine Zusage für „die Funkamateure der Region“, sondern eine Verabredung mit konkreten, namentlich benannten Personen. Wie das abläuft, steht unter Notfunk: Wie BOS, DARC-Ortsverband und Funkamateure zusammenarbeiten.
Das Rufzeichen gehört der Person
Der auffälligste Unterschied zu deiner Welt: Im Amateurfunk gibt es keine taktischen Funkrufnamen. Es gibt Rufzeichen, und die sind personengebunden. Sie werden von der Bundesnetzagentur nach bestandener Prüfung zugeteilt und bleiben in der Regel ein Funkerleben lang dieselben.
Ein deutsches Rufzeichen besteht aus einem Präfix aus zwei Buchstaben, einer Ziffer und einem Suffix aus zwei oder drei Buchstaben (Wikipedia: Amateurfunkrufzeichen):
DL1ABC DO7XY DN2JMU
Der Präfix ist der Landeskenner. Deutschland ist der Block DA bis DR zugeteilt, wobei DL der bekannteste ist. Aus dem Rufzeichen lässt sich also das Land ablesen, aber weder ein Standort noch eine Funktion und schon gar keine Einheit. Der Vergleich mit dem BOS-Funkrufname führt deshalb in die Irre:
| Merkmal | BOS-Funkrufname | Amateurfunkrufzeichen |
|---|---|---|
| Gebunden an | Fahrzeug, Einheit, Funktion | Person |
| Vergeben von | Land bzw. Organisation | Bundesnetzagentur |
| Enthält Ortsangabe | ja (Kreis, Gemeinde) | nein |
| Enthält Funktion | ja (Fahrzeugtyp, Führungsfunktion) | nein |
| Wechselt bei Personalwechsel | nein | entfällt, gehört ja der Person |
| Voraussetzung | Ausbildung und Einweisung in der Organisation | staatliche Prüfung |
Praktische Folge für eine gemeinsame Übung: Wenn du wissen willst, welche Station gerade wo steht und welche Aufgabe sie hat, sagt dir das Rufzeichen nichts. Das muss in einer Stationsliste geführt werden, oder man vergibt für die Übung zusätzlich taktische Bezeichnungen.
Die drei Klassen: N, E und A
Anders als bei euch, wo die Sprechfunkausbildung organisationsintern läuft, steht am Anfang des Amateurfunks eine staatliche Prüfung bei der Bundesnetzagentur (Bundesnetzagentur: Amateurfunk). Geprüft werden Technik, Betriebstechnik und Vorschriften. Seit dem 24. Juni 2024 gibt es drei aufeinander aufbauende Klassen (Wikipedia: Amateurfunkklasse):
| Klasse | Umfang | Besonderheit |
|---|---|---|
| N (Einsteiger) | 10 m, 2 m und 70 cm, maximal 10 Watt EIRP | gilt nur in Deutschland, international nicht anerkannt |
| E | mehr Bänder und höhere Leistung als N | Einstiegsklasse mit erweitertem Umfang |
| A (HAREC) | alle Amateurfunkbänder, volle Leistung | international anerkannt, Betrieb im Ausland möglich |
Für die Zusammenarbeit heißt das: Nicht jeder Funkamateur darf auf jedem Band mit jeder Leistung arbeiten. Wenn ihr eine Übung plant, die auf Kurzwelle über große Entfernungen laufen soll, braucht ihr Stationen der Klasse A. Auf 2 m und 70 cm, also dem, was einer Übung im Landkreis am nächsten kommt, kann auch Klasse N mitmachen.
Band und Frequenz statt Rufgruppe
Im Digitalfunk BOS wählst du eine Rufgruppe und musst dich um Frequenzen nicht kümmern. Im Amateurfunk ist das Gegenteil der Fall: Dort wird eine Frequenz auf einem Band gewählt, und die Ausbreitungsbedingungen dieses Bandes bestimmen, wie weit man kommt.
- Kurzwelle (unter anderem 80 m, 40 m, 20 m): Reichweiten von regional bis weltweit, abhängig von Tageszeit und Ionosphäre. Das ist der Bereich, der bei einem großflächigen Ausfall interessant wird, weil er ohne jede Infrastruktur auskommt.
- 2 m und 70 cm (UKW): der Alltagsbereich, im Handfunkgerät oder im Fahrzeug. Direkt etwa im Sichtbereich, über Relais deutlich weiter. Das entspricht am ehesten dem, was ihr im DMO- und TMO-Betrieb kennt.
Ein Relais ist dabei nicht mit einer Basisstation eures Netzes zu verwechseln. Es ist eine einzelne, meist vom Ortsverband betriebene Umsetzerstation auf einem Hochpunkt. Es gibt keine Vermittlung, keine Gruppenverwaltung und keine bundesweite Zusammenschaltung wie im BOS-Netz. Fällt ein Relais aus, ist es weg, und man arbeitet direkt.
Genau das ist die Stärke: Amateurfunk funktioniert ohne zentrale Infrastruktur. Zwei Stationen mit Antenne und Batterie kommen miteinander ins Gespräch, ohne dass irgendein Netz beteiligt ist. In einer Lage, in der Netze und Strom fehlen, ist das keine Spielerei, sondern der eigentliche Punkt.
Analog oder digital: ein Thema mit Lagerbildung
Auf diesen Punkt bist du als Außenstehender nicht vorbereitet. Neben dem klassischen analogen FM-Betrieb gibt es im Amateurfunk mehrere digitale Sprachbetriebsarten, vor allem DMR, D-STAR und C4FM, dazu vereinzelt TETRA. Und sie sind untereinander nicht kompatibel: Ein D-STAR-Gerät und ein DMR-Gerät kommen nicht miteinander ins Gespräch, auch nicht auf derselben Frequenz (DARC: Digitale Sprachübertragung im Amateurfunk).
Daraus hat sich eine ausgeprägte Lagerbildung entwickelt. Manche schwören auf 2-m-Analog, andere ausschließlich auf DMR, wieder andere auf D-STAR, und die eigene Wahl wird mitunter mit einer Inbrunst verteidigt, die dich an andere Grundsatzdebatten erinnern wird. Für dich ist das zunächst nur eine Beobachtung, aber es wird zu deinem Problem, sobald ihr gemeinsam etwas aufbauen wollt: Die Betriebsart entscheidet darüber, wer am Ende überhaupt miteinander funken kann.
Halte dich aus der Grundsatzdebatte heraus. Bring stattdessen deine Anforderung ein: weit verbreitet, bezahlbar, schnell erlernbar und passend zu dem, was ihr örtlich braucht. Eine bewährte Kombination ist DMR als Arbeitsebene mit 2-m-Analogfunk als Rückfallebene. Die Begründung und die Auswahlkriterien stehen unter Notfunk: Wie BOS und Funkamateure zusammenarbeiten.
Ein Detail, das dir den Einstieg erleichtert: DMR ist ein ETSI-Standard aus dem kommerziellen Betriebsfunk und arbeitet mit Sprechgruppen (Talkgroups). Das kommt deiner Rufgruppenlogik im Digitalfunk BOS strukturell nahe, und wer TMO gewohnt ist, findet sich dort schneller zurecht als im analogen Frequenzdenken.
Die Betriebssprache: QSO, Q-Gruppen, Rapport
Der Sprechfunk klingt anders als bei euch, weil er aus der internationalen Telegrafie kommt. Die wichtigsten Begriffe, damit du in einer gemeinsamen Übung nicht ratlos danebensitzt:
| Begriff | Bedeutung | Entspricht bei uns |
|---|---|---|
| QSO | eine Funkverbindung, ein Funkgespräch | Funkverkehr |
| CQ-Ruf | allgemeiner Anruf an alle: „wer hört mich?“ | Sammelruf, aber ohne Adressat |
| QRZ? | „Wer ruft mich?“ | „Wer ruft?“ |
| QRT | Betrieb einstellen, Station abschalten | „außer Betrieb“ |
| QTH | Standort | Standort |
| QRM / QRN | Störung durch andere Stationen / atmosphärisch | Störung |
| Rapport (z. B. 59) | Bewertung von Lesbarkeit und Feldstärke | Verständigungsangabe („laut und deutlich“) |
| 73 | „viele Grüße“, Verabschiedung | gibt es nicht, dort steht „Ende“ |
| Logbuch | Aufzeichnung der Verbindungen | Funktagebuch |
| QSL-Karte | schriftliche Bestätigung einer Verbindung | gibt es nicht |
Buchstabiert wird international nach dem NATO-Alphabet („Alfa, Bravo, Charlie“), nicht nach der deutschen Tafel mit Vornamen und auch nicht nach DIN 5009. Wenn ihr gemeinsam übt, ist das eine der ersten Absprachen, die ihr treffen solltet, sonst buchstabiert eine Seite „Anton“ und die andere „Alfa“. Alle drei Tafeln im direkten Vergleich stehen unter Buchstabiertafel.
Reden ist der Zweck, nicht die Störung
Wenn du zum ersten Mal Amateurfunk hörst, wirst du denken, dort werde undiszipliniert gefunkt. Begrüßung, Name, Standort, Wetter, ein Wort zur Antenne, Dank für die Verbindung. Aus deiner Sicht ist das alles überflüssiger Verkehr, der die Frequenz blockiert.
Es ist aber kein Mangel an Disziplin, sondern der Zweck der Sache. Im Amateurfunk ist die Kommunikation selbst das Ziel. Man funkt nicht, um etwas zu erreichen, sondern man funkt, um zu funken. Die Verbindung herzustellen und ein Gespräch zu führen, ist das Ergebnis. Höflichkeitsformen gehören dort zur Betriebskultur, so wie bei dir das knappe „verstanden“ dazugehört.
| BOS-Funk | Amateurfunk | |
|---|---|---|
| Rolle des Funks | Werkzeug, Mittel zum Zweck | Zweck selbst, die Verbindung ist das Ziel |
| Ideal | möglichst wenig reden | ein gutes, ausführliches Gespräch |
| Höflichkeitsformen | entfallen, kosten Sendezeit | fester Bestandteil der Kultur |
| Erfolgsmaßstab | Information fehlerfrei und schnell übergeben | Verbindung zustande gekommen und gepflegt |
| Zeitdruck | ständig, andere warten | im Normalbetrieb keiner |
Aus der Praxis, und der Punkt lohnt sich: Genau hier entstehen zu Beginn einer Zusammenarbeit die meisten Missverständnisse, und zwar wechselseitig. Die BOS-Seite hält den lockeren Ton für undiszipliniert, die Amateurfunkseite hält die knappe Ansprache für unhöflich oder abweisend. Beide Seiten irren. Es sind zwei Betriebskulturen, die jede in ihrer eigenen Welt genau richtig sind.
Für eine gemeinsame Übung heißt das: Sprich es vorher offen an, statt es hinterher zu kritisieren. Funkamateure, die bei einer BOS-Übung mitmachen, müssen sich das kurze, reduzierte Sprechen regelrecht angewöhnen. Das gelingt gut, wenn man erklärt, warum es so ist (jede Sekunde Sendezeit fehlt einem anderen Teilnehmer), und es misslingt zuverlässig, wenn man es nur einfordert. Umgekehrt solltest du nicht erwarten, dass die Umstellung sofort sitzt: Es ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten ändert man nicht in einem Abend.
Es gibt keine Leitstelle und keinen Befehl
Das ist der Punkt, an dem gemeinsame Übungen am häufigsten scheitern, und er hat nichts mit Technik zu tun. In eurer Welt ist die Führungsstruktur der Normalfall: Es gibt eine Leitstelle, es gibt einen Einsatzleiter, es gibt Aufträge, und wer einen Auftrag bekommt, führt ihn aus.
Im Amateurfunk existiert nichts davon. Es gibt keine Leitstelle, keine Dienststellung und keine Weisungsbefugnis. Wer eine Funkrunde moderiert, ist Netzkontrollstation und macht das freiwillig; die Teilnehmer folgen ihm aus Höflichkeit und Vernunft, nicht aus Pflicht. Auch die Teilnahme selbst ist freiwillig: Niemand kann Funkamateure alarmieren, und niemand schuldet Anwesenheit.
Damit hängt zusammen, dass der Funkbetrieb selbst unkoordiniert abläuft. Es gibt keine vorgeschriebenen Betriebsworte, keine Rangfolge für Meldungen und keine Instanz, die den Verkehr ordnet. Jeder spricht mit jedem, und die einzige wirkliche Regel lautet, niemanden zu unterbrechen. Das funktioniert im Amateurfunk gut, weil im Normalbetrieb niemand unter Zeitdruck steht und keine Lage abgearbeitet werden muss.
| BOS-Funk | Amateurfunk | |
|---|---|---|
| Wer ordnet den Verkehr | Leitstelle bzw. Führungsstelle der Rufgruppe | niemand, allenfalls freiwillig eine Netzkontrollstation |
| Betriebsworte | fest und verbindlich | keine vorgeschriebenen, Q-Gruppen üblich |
| Hierarchie | klar, bildet sich am Funk ab | keine, alle gleichrangig |
| Wer darf senden | wer gerufen wurde oder dringenden Anlass hat | wer gerade niemanden unterbricht |
| Rangfolge von Meldungen | ja, Vorrang für dringende Meldungen | keine |
Für die Praxis heißt das nicht, dass Zusammenarbeit unmöglich wäre. Es heißt, dass die Führungsfrage und die Verkehrsregeln ausdrücklich verabredet werden müssen, statt vorausgesetzt zu werden. Rechne nicht damit, dass sich eine geordnete Abwicklung von selbst einstellt, nur weil sie dir selbstverständlich erscheint. Sie ist es dort nicht. Wer eine Netzkontrollstation einsetzen will, muss das vorher vereinbaren und begründen. Genau deshalb ist eine Übung im BOS-Stil für beide Seiten so lehrreich, siehe Funkübungen im BOS-Stil für Funkamateure.
Die entscheidende Rechtsgrenze: Nachrichten für Dritte
Wenn du nur eine Regel aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese. § 5 Absatz 5 AFuG bestimmt (AFuG 1997, § 5):
„Der Funkamateur darf nur mit anderen Amateurfunkstellen Funkverkehr abwickeln. Der Funkamateur darf Nachrichten, die nicht den Amateurfunkdienst betreffen, für und an Dritte nicht übermitteln. Satz 2 gilt nicht in Not- und Katastrophenfällen.“
Übersetzt in deinen Alltag: Ein Funkamateur darf im Normalbetrieb nicht eure Einsatzmeldungen weiterreichen. Er darf nicht als Meldekopf für die Feuerwehr arbeiten, nicht die Nachforderung des Zugführers weitergeben und nicht eure Lagemeldung an den Stab übermitteln. Erst im echten Not- und Katastrophenfall fällt diese Schranke.
Das hat eine unbequeme Konsequenz, die in der Praxis regelmäßig übersehen wird: Eine Übung ist kein Not- und Katastrophenfall. Wer eine gemeinsame Übung plant, in der Funkamateure fingierte Einsatzmeldungen der Feuerwehr durchgeben, plant eine Übung, die so nicht zulässig ist. Wie man das sauber löst, ohne auf die Übung zu verzichten, steht im Übungsartikel.
Weitere Grenzen, die im Amateurfunk gelten und in eurer Welt teils genau umgekehrt sind: keine Verschlüsselung und keine Verschleierung des Inhalts, keine gewerbliche Nutzung, und Betrieb nur auf den dem Amateurfunkdienst zugewiesenen Frequenzen (Amateurfunkverordnung (AFuV)). Der offene, mithörbare Betrieb ist im Amateurfunk also kein Versäumnis, sondern Vorschrift.
Was Funkamateure realistisch beitragen können
Nüchtern betrachtet, jenseits von Blackout-Romantik:
- Infrastrukturunabhängige Verbindungen. Wenn Mobilfunk, Festnetz und im Extremfall auch das BOS-Netz örtlich ausfallen, bleiben Amateurfunkstellen mit eigener Stromversorgung arbeitsfähig.
- Technische Kompetenz. Antennenbau, Ausbreitung, Stromversorgung, improvisierte Aufbauten. Das ist genau das Wissen, das in einer langen Lage im Stab fehlt.
- Reichweite ohne Netz. Über Kurzwelle sind überregionale Verbindungen möglich, ohne dass irgendeine Infrastruktur dazwischen steht.
- Personal mit Funkroutine. Leute, die geübt sind, unter schlechten Bedingungen Informationen fehlerfrei aufzunehmen.
Und ebenso nüchtern, was sie nicht können: Sie ersetzen keinen Einsatzabschnitt, sie übernehmen keine Führungsaufgabe, sie sind nicht alarmierbar, sie unterliegen keiner Verschwiegenheitspflicht nach euren Maßstäben, und sie dürfen außerhalb echter Not- und Katastrophenfälle keine fremden Nachrichten übermitteln. Wer diese vier Punkte kennt, plant realistisch und ist hinterher nicht enttäuscht.
Häufige Fragen
Kann unsere Feuerwehr einfach einen Funkamateur mitnehmen?
Als Person ja, wenn er bei euch Mitglied ist. Dann funkt er allerdings als Feuerwehrangehöriger mit eurem Gerät unter eurem Funkrufnamen, und sein Rufzeichen spielt keine Rolle. Als Amateurfunkstelle, die für euch Nachrichten übermittelt, nein, außerhalb des Not- und Katastrophenfalls verbietet das § 5 AFuG.
Dürfen Funkamateure BOS-Funk mithören?
Nein. Der Digitalfunk BOS ist verschlüsselt und ein Mithören ist weder technisch vorgesehen noch zulässig. Ein Amateurfunkzeugnis ändert daran nichts.
Wie finden wir die Funkamateure vor Ort?
Über den Ortsverband des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC e. V.), der in vielen Distrikten Notfunkreferenten benannt hat. Der Weg dorthin und die Frage, was man beim ersten Gespräch klären sollte, stehen unter Notfunk: Wie BOS und Funkamateure zusammenarbeiten.
Quellen und weiterführende Belege
- AFuG 1997, § 2: Begriffsbestimmungen: Definition des Amateurfunkdienstes
- AFuG 1997, § 5: Rechte und Pflichten: Nachrichten für Dritte
- Amateurfunkverordnung (AFuV): Rufzeichen, Klassen, Betrieb
- Bundesnetzagentur: Amateurfunk: Prüfung und Zulassung
- Wikipedia: Amateurfunkklasse: Klassen N, E und A
- DARC: Digitale Sprachübertragung im Amateurfunk: DMR, D-STAR und C4FM sind untereinander nicht kompatibel
- Wikipedia: Deutscher Amateur-Radio-Club: 24 Distrikte, rund 1.000 Ortsverbände, Mitgliederzahl
- DARC: Teilnehmerzahlen am Amateurfunkdienst: Zahlen der Bundesnetzagentur