Amateurfunk & BOS

Notfunkübung im BOS-Stil: Betriebstechnik für Funkamateure trainieren

Das Regiebuch, der feste Meldeaufbau und die Rolle der Leitstelle lassen sich auf eine Notfunkübung übertragen. Wie das geht, ohne mit § 5 AFuG in Konflikt zu geraten.

Wer Notfunk ernst nimmt, merkt schnell, dass die Technik selten das Problem ist. Die Verbindung steht meistens. Was fehlt, ist die Disziplin: Wer spricht wann, in welcher Reihenfolge, in welcher Form, und wer schreibt mit? Genau das trainiert die BOS-Welt seit Jahrzehnten in Funkübungen. Diese Methodik lässt sich auf den Amateurfunk übertragen, und sie ist dort mindestens so wertvoll. Man muss nur eine rechtliche Hürde sauber nehmen, und die wird in der Praxis erstaunlich oft übersehen.

Du planst deine erste Notfunkübung? Dann fang beim Leitfaden Notfunkübung planen und durchführen an. Dort stehen Übungsziel, Stationsliste, Stromversorgung, Zeitplan und Checkliste. Dieser Artikel hier geht eine Ebene tiefer: Er zeigt, wie ihr die Betriebstechnik nach BOS-Vorbild aufzieht.

Zuerst die Rechtsfrage, sie bestimmt das ganze Übungsdesign

Der Satz, an dem eine BOS-artige Amateurfunkübung scheitern kann, steht in § 5 Absatz 5 AFuG (AFuG 1997, § 5):

„Der Funkamateur darf nur mit anderen Amateurfunkstellen Funkverkehr abwickeln. Der Funkamateur darf Nachrichten, die nicht den Amateurfunkdienst betreffen, für und an Dritte nicht übermitteln. Satz 2 gilt nicht in Not- und Katastrophenfällen.“

Der letzte Satz ist der, auf den sich viele berufen, und er ist der, der in einer Übung nicht hilft. Denn eine geplante Übung ist kein Not- und Katastrophenfall. Die Ausnahme greift also gerade nicht, während man übt. Wer eine Übung baut, in der Funkamateure Meldungen der örtlichen Feuerwehr an den Stab durchgeben, baut eine Übung, die in dieser Form nicht zulässig ist.

Der Ausweg ist einfacher, als er klingt. Verboten ist die Übermittlung von Nachrichten, die nicht den Amateurfunkdienst betreffen, für und an Dritte. Eine Übung, deren Zweck die Erprobung der eigenen Technik und die eigene Weiterbildung ist und deren Inhalte aus der Übung selbst stammen, betrifft sehr wohl den Amateurfunkdienst. § 2 AFuG nennt „experimentelle und technisch-wissenschaftliche Studien“ und „die eigene Weiterbildung“ ausdrücklich als Zwecke des Dienstes (AFuG 1997, § 2). Genau dort gehört eine Betriebstechnikübung hin.

Daraus ergeben sich zwei Leitplanken, die das gesamte Übungsdesign bestimmen:

  1. Der Funkverkehr läuft zwischen Amateurfunkstellen. Keine Einspeisung von außen, keine Weitergabe nach außen. Wenn eine BOS-Dienststelle beteiligt ist, dann als Beobachter oder über einen eigenen, getrennten BOS-Funkweg, nicht als Absender von Meldungen, die über Amateurfunk laufen.
  2. Der Inhalt entsteht in der Übung. Je stärker die übermittelten Informationen aus dem Funkbetrieb selbst stammen, desto klarer betreffen sie den Amateurfunkdienst. Das ist keine juristische Spitzfindigkeit, sondern führt nebenbei zu didaktisch besseren Übungen.

Zur häufig zitierten Anmeldepflicht noch ein Hinweis, weil sie durch die Foren geistert: Die Regel, dass Not- und Katastrophenfunkverkehrsübungen mindestens sieben Werktage vorher schriftlich anzuzeigen sind, stammt aus dem österreichischen Telekommunikationsgesetz. Das deutsche Amateurfunkrecht kennt keine entsprechende gesetzliche Anmeldepflicht (Amateurfunkverordnung (AFuV), Bundesnetzagentur: Amateurfunk). Empfehlenswert bleibt die Abstimmung mit Distrikt und Notfunkreferat (DARC: Referat für Not- und Katastrophenfunk), schon damit sich Übungen nicht gegenseitig auf der Frequenz stören.

Was am BOS-Übungsformat übertragbar ist

Vier Elemente machen den Unterschied zwischen einer beliebigen Funkrunde und einer Übung, aus der alle etwas mitnehmen:

BOS-ElementÜbertragung auf den AmateurfunkWas es bringt
Leitstelle Netzkontrollstation, die den Verkehr ordnet und protokolliert Es gibt eine Stelle, die den Überblick hat und Sendezeit zuteilt
Fester Meldeaufbau Vereinbartes Schema für jede Meldung, statt freiem Gespräch Die Gegenstelle kann mitschreiben, ohne nachzufragen
Regiebuch Drehbuch mit Zeitpunkt, Absender, Empfänger und Inhalt jeder Meldung Alle kommen gleichmäßig dran, die Übung ist reproduzierbar
Funktagebuch Mitschrift aller Meldungen bei der Netzkontrollstation Grundlage für die Auswertung, deckt Übertragungsfehler auf
Auswertung Strukturierte Nachbesprechung statt „lief doch gut“ Aus Fehlern wird beim nächsten Mal Können

Das Regiebuch ist dabei das wirkungsvollste Element und im Amateurfunk praktisch unbekannt. Was dahintersteckt, steht ausführlich unter Regiebuchübung.

Schritt 1: Den Übungszweck richtig formulieren

Das klingt nach Formalie, ist aber die tragende Entscheidung. Formuliere den Zweck so, dass er ein Zweck des Amateurfunkdienstes ist. Statt

„Wir üben, Meldungen für den Katastrophenschutzstab zu übermitteln.“

also besser:

„Wir erproben, ob unsere Stationen unter Notstrombedingungen eine stabile Verbindung zwischen den vereinbarten Standorten herstellen, und schulen dabei einen einheitlichen, geordneten Meldeaufbau.“

Der zweite Zweck ist Erprobung der Technik und eigene Weiterbildung, beides ausdrücklich vom Gesetz gedeckt. Und er beschreibt ehrlicher, was in der Übung tatsächlich passiert.

Schritt 2: Rollen und Stationsliste

Im BOS-Funk sagt der Funkrufname, wer und was eine Station ist. Ein Rufzeichen sagt das nicht, weder Standort noch Aufgabe. Führe deshalb eine Stationsliste, die beides verbindet:

RufzeichenTaktische BezeichnungStandortAufgabe in der Übung
DL0XXXKontrolleVereinsheimNetzkontrollstation, Protokoll
DL1ABCStation 1NordrandAußenstation, Notstrombetrieb
DL2DEFStation 2AussichtsturmAußenstation, portable Antenne
DO7XYStation 3mobilbewegliche Station, Klasse N, 2 m

Wichtig: Die taktische Bezeichnung ersetzt nicht das Rufzeichen. Nach § 5 Absatz 1 AFuG darf der Funkamateur nur das ihm zugeteilte Rufzeichen benutzen, und die Rufzeichennennung bleibt Pflicht. Die taktische Bezeichnung kommt zusätzlich dazu, etwa als „DL1ABC, Station 1“. Damit hat man beides: rechtlich sauberes Rufzeichen und die taktische Klarheit, die eine geordnete Übung braucht.

Die Netzkontrollstation ist das Gegenstück zur Leitstelle. Sie ruft auf, teilt Sendezeit zu, nimmt Meldungen an und protokolliert. Sie hat keine Weisungsbefugnis, denn die gibt es im Amateurfunk nicht, aber alle Teilnehmer haben sich vorher darauf verständigt, ihr zu folgen. Das ist die eigentliche Übungsleistung.

Legt an dieser Stelle auch die Betriebsart verbindlich fest, und zwar vor der Einladung, nicht am Übungstag. DMR, D-STAR und C4FM sind untereinander nicht kompatibel, wer die falsche Betriebsart mitbringt, steht am Übungsabend stumm daneben. Bewährt hat sich DMR als Arbeitsebene, weil die Sprechgruppenlogik der BOS-Rufgruppenlogik nahekommt, mit 2-m-Analogfunk als Rückfallebene, weil das ohne Netz, ohne Server und ohne Codeplug funktioniert. Plant die Rückfallebene fest in die Übung ein, statt sie nur zu erwähnen: Ein Wechsel auf die zweite Ebene ist eines der lohnendsten Übungsziele überhaupt. Die Auswahlkriterien stehen unter Notfunk: Wie BOS und Funkamateure zusammenarbeiten.

Schritt 3: Übungsinhalte, die den Amateurfunkdienst betreffen

Hier entscheidet sich, ob die Übung rechtlich trägt. Am unproblematischsten und zugleich lehrreichsten sind Inhalte, die aus dem Funkbetrieb selbst entstehen:

  • Verbindungs- und Feldstärkeberichte in einem festen Format, von jeder Station zu jeder anderen. Trainiert Zahlenübermittlung und Systematik.
  • Betriebsdaten der eigenen Station: Batteriespannung, Betriebsdauer, Sendeleistung, Antennenaufbau, Stromverbrauch. Das ist echte Erprobung und liefert Zahlen, die man später wirklich braucht.
  • Standort- und Aufbaumeldungen der eigenen Stationen: Ankunft, Aufbaubeginn, betriebsbereit, Abbau. Damit übt man exakt die Meldelogik, die im Ernstfall zählt.
  • Buchstabier- und Zahlenübungen: Listen mit Namen, Kennungen und Zahlenkolonnen fehlerfrei durchgeben. Das entspricht der BOS-Übung Funk-Diktat und Buchstabier-Spiele.
  • Beschreiben und Nachbauen oder eine Lotsen-Aufgabe: zwei Formate, die reine Sprechpräzision trainieren und inhaltlich völlig unverfänglich sind, siehe Klemmbaustein-Funkübung und Lotsen-Übung.

Wenn ihr eine Lage durchspielen wollt, dann als erkennbar erfundenes Szenario zwischen Amateurfunkstellen, ohne reale Stellen als Absender oder Empfänger. Der Unterschied ist der zwischen „Station 1 meldet für die Übung eine simulierte Wetterbeobachtung“ und „Station 1 gibt die Meldung des Bauhofs an das Ordnungsamt weiter“. Das erste betrifft die Übung, das zweite ist eine Nachricht für Dritte.

Faustregel für die Übungsplanung: Frage bei jeder Meldung, ob es außerhalb der Übung jemanden gibt, der diese Information tatsächlich haben will. Wenn ja, ist es vermutlich eine Nachricht für Dritte. Wenn die Information nur existiert, weil ihr gerade übt, seid ihr im sicheren Bereich.

Schritt 4: Der Meldeaufbau

Jetzt kommt das BOS-Handwerk. Vereinbart vor der Übung ein festes Schema, und zwar schriftlich, damit alle dasselbe sprechen. Der Anruf folgt der BOS-Reihenfolge, erst der Gerufene, dann der Rufende:

„Kontrolle von Station 1, DL1ABC – kommen.“
„Station 1 von Kontrolle – kommen.“
„Kontrolle von Station 1: Übungsmeldung. Aufbau abgeschlossen, betriebsbereit seit 14 Uhr 20. Batteriespannung 12 Komma 4 Volt. Verbindung zu Station 2 laut und deutlich – kommen.“
„Station 1 von Kontrolle: verstanden, betriebsbereit 14 Uhr 20, 12 Komma 4 Volt – Ende.“

Vier Übertragungen, kein überflüssiges Wort, jede Information bestätigt. Wer aus dem Amateurfunk kommt, wird die Knappheit zunächst als unhöflich empfinden. Genau das ist der Lerneffekt: In einer Lage mit zwölf wartenden Stationen ist jede Höflichkeitsfloskel Sendezeit, die einer anderen Station fehlt.

Das ist die eigentliche Übungsleistung, nicht die Technik. Im Amateurfunk ist die Kommunikation selbst der Zweck: Gruß, Dank, Wetter und ein Wort zur Antenne gehören dazu. Am BOS-Funk ist der Funk ein Werkzeug, und das erklärte Ziel ist, möglichst wenig zu reden. Diese Umstellung geht nicht von allein. Erfahrungsgemäß muss man sie sich regelrecht angewöhnen, und sie fühlt sich in den ersten Durchgängen unangenehm an. Rechne damit, statt dich darüber zu ärgern.

Drei Gewohnheiten sind es konkret, die für die Dauer der Übung abgelegt werden: die Begrüßung mit Name und Standort, alle Höflichkeitsformen einschließlich „danke für die Verbindung“, und die freie Erzählung statt der Meldung nach Schema. Am Ende steht „Ende“, nicht „73“. Wer das ausdrücklich vorher anspricht und begründet, erspart sich die halbe Nachbesprechung. Wer es nur einfordert, ohne das Warum zu erklären, erzeugt Widerstand.

Ebenso wichtig ist die Gegenrichtung, damit die Übung nicht in Belehrung kippt: Die BOS-Betriebskultur ist nicht die bessere, sie ist die für den Einsatz passende. Nach dem Übungsende darf und soll wieder normal geredet werden. Die Knappheit gilt auf der Frequenz und während der Übung, nicht als Umgangston untereinander.

Die Verkehrsabwicklung ordnen

Der zweite Gewöhnungspunkt hängt daran. Amateurfunkbetrieb läuft im Kern unkoordiniert ab: keine vorgeschriebenen Betriebsworte, keine Hierarchie, keine Rangfolge. Jeder spricht mit jedem, solange er niemanden unterbricht. Für eine Übung im BOS-Stil dreht ihr das bewusst um und vereinbart vorher:

  • Gesendet wird, wer gerufen wurde. Wer ungefragt sendet, weil er etwas beizutragen hat, stört, auch wenn der Beitrag inhaltlich richtig ist.
  • Die Netzkontrollstation ordnet den Verkehr. Sie ruft auf und teilt Sendezeit zu. Sie hat keine rechtliche Weisungsbefugnis, aber alle haben sich vorher darauf verständigt, ihr zu folgen.
  • Dringende Meldungen haben Vorrang. Legt ein Wort fest, mit dem eine Station eine vorrangige Meldung ankündigt, und was dann passiert.
  • Es wird mitgeschrieben. Die Netzkontrollstation führt Protokoll, das ist später die Grundlage der Auswertung.

Legt außerdem fest, welche Buchstabiertafel gilt. Im Amateurfunk ist das NATO-Alphabet üblich, in der BOS-Welt die deutsche Tafel mit Vornamen oder die Städtenamen nach DIN 5009:2022. Alle drei stehen im Vergleich unter Buchstabiertafel, dort auch als Taschenkarte zum Ausdrucken. Für eine Übung im BOS-Stil ist die deutsche Tafel die konsequentere Wahl.

Die BOS-Redewendungen, die ihr übernehmen solltet: „kommen“ (Ende meiner Durchsage, Antwort erwartet), „verstanden“ (aufgenommen), „wiederholen“ (noch einmal geben), „ich buchstabiere“ und „Ende“ (Gespräch abgeschlossen). Q-Gruppen, Rapporte und „73“ bleiben für die Dauer der Übung bewusst draußen. Warum die BOS-Welt so spricht, steht unter BOS-Funk für Funkamateure erklärt.

Schritt 5: Kennzeichnung als Übung

Das ist der Punkt, an dem im Amateurfunk mehr Sorgfalt nötig ist als bei euch, weil jeder mithören kann und niemand weiß, dass geübt wird. Drei Regeln:

  1. Vorher ankündigen. Übung im Ortsverband, im Distrikt und gegenüber dem Notfunkreferat bekannt geben, mit Zeitraum und Frequenzen.
  2. Alle 30 Minuten eine Durchsage für Mithörer. Der wichtigste Handgriff überhaupt, siehe gleich unten.
  3. Jede Meldung als Übungsmeldung einleiten. Wer nur den letzten Satz einer Übertragung mitbekommt, muss trotzdem erkennen, dass geübt wird.
  4. Niemals echte Notzeichen verwenden. Kein Mayday, kein SOS, kein internationales Notzeichen, auch nicht „zur Übung“. Wenn ein Szenario einen Notruf enthalten soll, wird er als „simulierter Notruf, Übung“ bezeichnet.

Die 30-Minuten-Ansage: das wirksamste Mittel gegen Ärger

Anders als im BOS-Funk hört im Amateurfunk jeder mit, und niemand weiß von außen, dass gerade eine Übung läuft. Wer zufällig auf die Frequenz kommt und Bruchstücke einer Lagemeldung über Stromausfall, Verletzte und ausgefallene Netze aufschnappt, zieht zwangsläufig falsche Schlüsse. Deshalb gehört in jede Übung eine feste Durchsage, die die Netzkontrollstation mindestens alle 30 Minuten wiederholt, sinnvollerweise zur vollen und zur halben Stunde:

„An alle: Hier ist DL0XXX. Auf dieser Frequenz läuft bis 21 Uhr eine Übung des Ortsverbands. Alle Meldungen sind erfunden und Teil der Übung, es liegt kein tatsächlicher Notfall vor. Wir bitten um Verständnis und darum, die Frequenz bis dahin frei zu halten. Bei einem echten Notruf brechen wir sofort ab. DL0XXX, Ende.“

Das löst zwei Probleme auf einmal, und beide treten in der Praxis zuverlässig auf, wenn man es weglässt:

  • Niemand macht sich Sorgen. Eine halb mitgehörte Übungslage klingt schnell nach Weltuntergang. Wer die Ansage hört, weiß sofort Bescheid und ruft nicht beim Vorsitzenden oder gar bei der Leitstelle an.
  • Niemand funkt auf eigene Faust mit. Ohne Ansage beteiligen sich hilfsbereite Mithörer spontan an der vermeintlichen Lage, melden sich mit eigenen Beiträgen und bringen damit das ganze Regiebuch durcheinander. Mit Ansage halten sie sich zurück, weil sie wissen, dass sie nicht gebraucht werden.

Praktisch umgesetzt: Schreibt die Ansage vorher aus und legt sie der Netzkontrollstation als Zettel hin, statt sie jedes Mal frei zu formulieren. Im Regiebuch bekommt sie feste Zeitpunkte wie jede andere Meldung auch, also X+0, X+30, X+60. Dann wird sie im Übungsstress nicht vergessen, und genau das passiert sonst nach dem zweiten Mal.

Sinnvoll ist außerdem, das Übungsende genauso deutlich anzusagen. Sonst bleibt bei Mithörern der Eindruck zurück, da liefe noch etwas, und der nächste reguläre Funkverkehr auf der Frequenz wird misstrauisch beäugt.

Und die wichtigste Regel überhaupt: Sobald ein echter Notfall auf der Frequenz auftaucht, wird die Übung sofort abgebrochen und die Frequenz freigemacht. Das gehört ausdrücklich in die Übungsanweisung, damit jeder weiß, was dann zu tun ist.

Schritt 6: Ein Ablaufplan für 90 Minuten

Ein erprobbarer Zuschnitt für einen Übungsabend, in X-Zeit notiert, also in Minuten ab Übungsbeginn. Was es damit auf sich hat, steht unter X-Zeit erklärt.

ZeitInhaltLernziel
X−30Aufbau, Stationen melden sich betriebsbereitAufbaumeldung, Ersterreichbarkeit
X+0Übungsbeginn, Übungsansage an alle Mithörer, dann Aufruf aller StationenGeordneter Aufruf statt Durcheinander
X+10Runde Verbindungsberichte, jede Station zu jederFester Meldeaufbau, Zahlenübermittlung
X+25Buchstabierübung: Namens- und KennungslistenFehlerfreies Buchstabieren nach Tafel
X+30Übungsansage wiederholen (danach alle 30 Minuten)Mithörer informiert halten
X+40Betriebsdaten: Spannung, Leistung, Antenne, LaufzeitErprobung der eigenen Technik
X+55Störungsszenario: eine Station fällt aus, Umleitung über RelaisstationUmgehen von Ausfällen, Improvisation
X+65Wechsel auf die Rückfallebene: Arbeitsebene wird für ausgefallen erklärt, alle gehen auf 2 m analogEbenenwechsel unter Zeitdruck, ohne fremde Infrastruktur
X+75Abmeldung aller Stationen, Übungsende ansagenSauberer Abschluss
X+80Nachbesprechung anhand des ProtokollsAuswertung

Das Störungsszenario bei X+55 ist der Teil, der am meisten bringt und am wenigsten geübt wird. Nehmt der stärksten Station bewusst die Antenne weg oder schickt sie in ein Funkloch. Wie das Netz darauf reagiert, ob eine Umleitung gefunden wird und wie lange das dauert, ist die wertvollste Erkenntnis des ganzen Abends.

Die Auswertung: der Teil, der meistens fehlt

In der BOS-Welt ist die Nachbesprechung fester Bestandteil jeder Übung, im Amateurfunk endet eine Runde oft einfach. Nehmt euch die letzten zehn Minuten und geht das Protokoll der Netzkontrollstation durch. Sechs Fragen reichen:

  • Welche Meldung musste wiederholt werden, und woran lag es? Technik oder Sprache?
  • Wo ist eine Information unterwegs verlorengegangen oder verfälscht worden?
  • Wer hatte zu viel Sendezeit, wer kam nicht zu Wort?
  • Wurde der vereinbarte Meldeaufbau eingehalten, oder ist er nach zwanzig Minuten zerfallen?
  • Wie oft sind Höflichkeitsformen und Gesprächsanteile zurückgekommen? Das ist kein Vorwurf, sondern der Gradmesser dafür, wie tief die Gewohnheit sitzt.
  • Hat jemand ungefragt gesendet, und was hat das ausgelöst?
  • Welche technische Erkenntnis nehmen wir mit? Reichte die Batterie, trug die Antenne, hielt die Verbindung?
  • Was ändern wir beim nächsten Mal konkret?

Die Methodik dahinter, samt Moderationshinweisen und typischen Auswertungsfallen, steht ausführlich unter Funkübung auswerten.

Gemeinsame Übungen mit einer BOS-Einheit

Der Königsweg, und zugleich der Fall mit den meisten Fallstricken. Er funktioniert, wenn ihr die beiden Funkwelten sauber trennt:

Geht gutGeht nicht
Parallelbetrieb: Die BOS-Einheit übt auf ihrer Rufgruppe, die Funkamateure auf ihrer Frequenz, beide mit demselben SzenarioAmateurfunk als Übertragungsweg für Meldungen der BOS-Einheit
Gemeinsame Übungsleitung, die beide Netze plant und danach gemeinsam auswertetKopplung beider Netze, also Weiterreichen von Meldungen zwischen den Funkdiensten
Gegenseitiges Hospitieren: BOS-Kräfte sitzen bei der Netzkontrolle, Funkamateure im ELWFunkamateure senden auf BOS-Frequenzen oder umgekehrt
Gemeinsame Nachbesprechung mit beiden Protokollen nebeneinanderBOS-Kräfte ohne Amateurfunkzeugnis senden auf Amateurfunkfrequenzen

Der Parallelbetrieb ist dabei nicht der Kompromiss, für den man ihn halten könnte. Er ist didaktisch sogar der Gewinn: Beide Seiten bearbeiten dieselbe Lage mit ihren eigenen Mitteln, und in der gemeinsamen Auswertung wird sichtbar, wo die eine Welt schneller ist und wo die andere robuster. Genau das ist die Erkenntnis, die im Ernstfall zählt. Wie eine solche Zusammenarbeit organisatorisch aufgesetzt wird, steht unter Notfunk: Wie BOS und Funkamateure zusammenarbeiten.

Häufige Fragen

Brauchen wir eine Genehmigung für die Übung?

Eine gesetzliche Genehmigungs- oder Anmeldepflicht für Amateurfunkübungen kennt das deutsche Recht nicht. Die häufig zitierte Sieben-Werktage-Frist stammt aus dem österreichischen Telekommunikationsgesetz und gilt hier nicht. Sinnvoll ist trotzdem die Abstimmung mit Ortsverband, Distrikt und Notfunkreferat.

Dürfen wir eine echte Feuerwehr um ein Szenario bitten?

Ja. Ein Szenario ist kein Funkverkehr. Ihr dürft euch von einer Feuerwehr eine realistische Lage schreiben lassen, sie vorher schriftlich verteilen und dann in eurer Übung verwenden. Unzulässig wäre erst, während der Übung tatsächliche Nachrichten für diese Feuerwehr zu übermitteln.

Wie viele Stationen braucht eine solche Übung?

Ab vier wird es interessant, weil dann eine Netzkontrollstation und drei Außenstellen besetzt sind und echter Wartebetrieb entsteht. Mit acht bis zehn Stationen wird die Disziplin zur eigentlichen Herausforderung, und genau darum geht es.

Was, wenn jemand die Übung stört?

Ruhig bleiben, nicht diskutieren, die Frequenz gegebenenfalls wechseln. Die Netzkontrollstation entscheidet, alle anderen folgen. Der Umgang mit Störungen ist im Übrigen selbst ein Lernziel: Genau das passiert im Ernstfall auch.

Quellen und weiterführende Belege

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Regiebuch für die nächste Übung anlegen

Meldungen mit Zeitpunkt, Absender und Empfänger vorplanen, gleichmäßig auf alle Stationen verteilen und als Übungsunterlage ausgeben.

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