Bergwacht

Grenzüberschreitend funken: Bergrettung mit Österreich und der Schweiz

Der Berg kennt keine Grenze, das Funknetz schon. Warum deutsche und österreichische Bergretter trotz gemeinsamer Sprache nicht direkt miteinander funken können, welche Behelfe sich bewährt haben und wie du genau das übst.

Für kaum eine andere Einheit ist die Staatsgrenze so nebensächlich wie für die Bergwacht: Ein Grat verläuft nun einmal quer darüber, und wer von der anderen Seite schneller oben ist, fährt den Einsatz. Für den Funk gilt das Gegenteil. Dort ist die Grenze eine harte Wand, und zwar aus einem Grund, den viele zunächst nicht vermuten: nicht wegen der Sprache und meist nicht einmal wegen des Standards, sondern wegen der Verschlüsselung.

Erst einmal aufräumen: Wer funkt womit?

Bevor man über Lösungen redet, lohnt ein nüchterner Blick auf die Ausgangslage. Sie ist anders, als das Schlagwort „andere Systeme“ vermuten lässt:

LandNetzStandardVerhältnis zu Deutschland
DeutschlandDigitalfunk BOSTETRAReferenz
ÖsterreichDigitalfunk BOS-Austria (TETRON)TETRAgleicher Standard, getrenntes Netz, andere Verschlüsselung
Schweiz & LiechtensteinPOLYCOMTETRAPOLanderer Standard, technisch nicht kompatibel

Österreich betreibt sein bundesweites BOS-Netz auf Basis von TETRA (TETRON Sicherheitsnetz), also demselben europäischen Standard wie Deutschland. Wie dicht dieses Netz im Gebirge ist, zeigt Tirol: 195 Funkbasisstationen versorgen rund 95 Prozent der Landesfläche, etwa 13.500 Endgeräte sind im Einsatz, eingeführt wurde der Digitalfunk dort bereits 2006 (Land Tirol: 20 Jahre Digitalfunk). Am Netz liegt es also nicht. Die Schweiz und Liechtenstein nutzen dagegen POLYCOM auf Basis von TETRAPOL im UHF-Bereich zwischen 380 und 400 MHz (Wikipedia: Polycom (Schweiz)).

Daraus folgt eine wichtige Unterscheidung: Richtung Österreich ist es im Kern ein Verschlüsselungs- und Netzproblem. Die Technik könnte grundsätzlich miteinander. Richtung Schweiz ist es ein Standardproblem: TETRA und TETRAPOL sprechen schon auf der Funkschnittstelle nicht dieselbe Sprache. Wer beides in einen Topf wirft, sucht an der falschen Stelle nach Lösungen.

Der eigentliche Knackpunkt: die zusätzliche Verschlüsselung

Deutschland verschlüsselt seinen Digitalfunk zusätzlich und steht damit in der EU weitgehend allein. Die praktische Folge beschreibt die Höhlenrettung nüchtern: Weil „die österreichischen Funkgeräte technisch anders verschlüsselt sind als die deutschen, können die Helfer trotz der fehlenden Sprachbarriere nicht direkt miteinander funken“ (Österreichische Höhlenrettung: Grenzüberschreitende Kommunikation).

Wie sicherheitsrelevant das im Bergrettungsalltag ist, zeigt der am häufigsten genannte Fall: Österreichische Hubschrauber werden regelmäßig zu Bergrettungen nach Bayern angefordert und können mit den Kräften am Boden nicht sprechen. Ein Bergwacht-Vertreter formuliert es in einem ORF-Bericht so: „Es ist nicht gerade sicher, wenn unsere Teams bei einem schwierigen Einsatz auf dem Boden oder im Gebirge nicht mit den Hubschrauberpiloten reden können“ (ORF Salzburg: Wirbel um deutschen Digitalfunk). Genau an dieser Stelle trifft das Thema auf die Luftrettungs-Schnittstelle der Bergwacht, die ohnehin die größte Aufmerksamkeit braucht.

Was in der Praxis tatsächlich funktioniert

Die Einheiten im Grenzraum haben nicht auf eine politische Lösung gewartet, sondern sich selbst beholfen. Vier Wege haben sich etabliert, in dieser Reihenfolge der Zuverlässigkeit:

1. Gerätetausch: der Behelf, der wirklich trägt

Der pragmatischste und verbreitetste Weg: Man legt sich Geräte des Nachbarn hin. Österreichische Digitalfunkgeräte bleiben dauerhaft in Bayern stationiert und stehen dort den deutschen Kräften zur Verfügung, umgekehrt genauso (Höhlenrettung Österreich). Grenznahe Stützpunkte der Bergwacht rüsten sich eigenständig mit Geräten des Nachbarlandes aus, und österreichische Notarzthubschrauber erhalten deutsche Handfunkgeräte zum Anschluss im Cockpit (ORF Salzburg).

Für die Übung heißt das: Ein Gerät des Nachbarn haben ist nur die halbe Miete. Wer bedient es? Wo liegt es? Ist es geladen? Wer merkt, dass es fehlt? Genau diese Fragen beantwortet eine Übung, und zwar deutlich billiger als ein Einsatz.

2. Koordinierte DMO-Frequenzen im Grenzbereich

Der Direktmodus ist naheliegend, weil er ohne Netz auskommt, aber er ist nicht beliebig nutzbar. Für Digitalfunk BOS Austria sind vom zuständigen Ministerium drei DMO-Frequenzpaare für die Nutzung mit den Nachbarstaaten koordiniert und zugewiesen; drei weitere dürfen im Grenzbereich ausdrücklich nicht verwendet werden (Organisationsübergreifende FSO BOS Steiermark).

Wichtig: Welche DMO-Gruppen im konkreten Grenzabschnitt zulässig sind und ob die Geräte beider Seiten sie überhaupt gemeinsam nutzen können, ist eine Frage an eure Leitstelle und die zuständigen Stellen, nicht etwas, das man sich in der Übung selbst ausdenkt. Der Punkt für die Ausbildung lautet: Es gibt geregelte Frequenzen dafür, und man muss vorher wissen, welche.

3. Überleiteinrichtungen und Sprechgruppen über die Grenze

Es gibt sie tatsächlich, die vorbereiteten Übergänge, sie sind nur wenig bekannt. Die Tiroler Kommunikationsrichtlinie führt zwei aufschlussreiche Beispiele (Land Tirol: Kommunikationsrichtlinie BOS- und HS-Sprechgruppen):

SprechgruppeFunktion
HS-TIROL1Über diese Sprechgruppe ist die Integrierte Leitstelle Rosenheim erreichbar, also eine deutsche Leitstelle aus dem österreichischen Netz heraus.
HS-TIROL2Für grenzüberschreitende Einsätze Richtung Südtirol besteht eine Überleiteinrichtung auf die im Südtiroler Netz gleichnamige Sprechgruppe.
HS-<Bezirk>1 / 2Werden unter anderem bei stationären DMO-Gateways verwendet (Überleitung Direktmodus ↔ Trunkmodus).

Das ist die wichtigste Botschaft dieses Abschnitts: Der Weg über die Grenze führt häufig nicht direkt von Trupp zu Trupp, sondern über die Leitstellen. Das ist kein Notbehelf, sondern oft der einzige belastbare Pfad, und er will genauso geübt sein wie der direkte Funkverkehr.

4. Der Leitstellenweg als Rückfallebene

Wenn gar nichts geht, bleibt die Kette „eigene Leitstelle → Leitstelle des Nachbarn → dortige Kräfte“. Im Grenzraum Bayern/Salzburg etwa laufen die Einsatzaufträge über die ILS Traunstein und die Leitstelle des Österreichischen Roten Kreuzes in Salzburg. Das ist langsamer und störanfälliger als Direktfunk, aber es funktioniert immer. In der Übung ist es die Rückfallebene, die man bewusst ansteuert, statt sie zu improvisieren.

Und die Lösung? ISI, irgendwann

Der eigentliche technische Lösungsweg heißt ISI (Inter-System-Interface): eine Kopplung, die verschiedene Digitalfunksysteme miteinander verbindet und grenzüberschreitende Kommunikation ermöglichen soll, vergleichbar mit Roaming im Mobilfunk. Die BDBOS verfolgt das Thema, wann die Schnittstelle flächig verfügbar ist, war zum Zeitpunkt der Berichterstattung allerdings nicht absehbar (ORF Salzburg; BDBOS: Digitalfunk BOS, Aufbau und Funktionsweise).

Für die Ausbildung heißt das schlicht: Plane mit dem Zustand von heute. Wer seine Übung auf eine künftige Schnittstelle stützt, übt nichts.

Rufnamen des Nachbarn: klingt anders, als man denkt

Ein unterschätzter Stolperstein ist die Benennung. Österreichische Bergrettungs-Rufnamen folgen nicht der deutschen Kennzahlenlogik, sondern arbeiten mit Ortsstellen- und Funktionsnamen (FSO BOS Steiermark, Funkrufnamen Bergrettung):

ElementAufbauBeispiel
OrtsstelleBergrettung + Name der OrtsstelleBergrettung Mariazell
EinsatzleitungEinsatzleitung + Bergrettung + OrtsstelleEinsatzleitung Bergrettung Neuberg
BasisstationBasis + Bergrettung + OrtsstelleBasis Bergrettung Kindberg
HundestaffelFunktion + BergrettungHundestaffel Bergrettung
CanyoningFunktion + BergrettungCanyoninggruppe Bergrettung

Wer also „Bergwacht Musterort 10“ erwartet, hört stattdessen „Einsatzleitung Bergrettung Neuberg“. Zum Vergleich der deutschen Systematik siehe Bergwacht-Funkrufnamen.

Bemerkenswert ist außerdem die österreichische Trennung: Organisationsübergreifende Sprechgruppen sind ausschließlich der Einsatzleiterkommunikation vorbehalten, Mannschaftsfunk hat darauf nichts verloren. Einsatzleiter sollen deshalb mit zwei Digitalfunkgeräten ausgestattet werden. Ausdrücklich gilt als Einsatzleiterkommunikation auch der Verkehr zwischen Einsatzmitteln verschiedener Organisationen, etwa die Einweisung eines Hubschraubers (Kommunikationsrichtlinie Tirol). Diese saubere Trennung ist ein Konzept, von dem sich auch für rein deutsche Lagen etwas abschauen lässt, siehe organisationsübergreifend funken.

Aufbau einer grenzüberschreitenden Funkübung

Das Ziel dieser Übung ist ein anderes als sonst. Es geht nicht darum, saubere Meldungen zu trainieren, das setzt du voraus. Es geht darum, herauszufinden, welcher Kommunikationsweg unter welchen Bedingungen trägt, und das Ergebnis schriftlich festzuhalten.

Vorher: Wege klären (nicht in der Übung!)

Mit Leitstelle und Nachbarorganisation abstimmen, welche Sprechgruppen, DMO-Frequenzen und Leitstellenwege zulässig und verfügbar sind. Das ist Vorarbeit, keine Übungsaufgabe.

Lage mit Grenzbezug wählen

Eine Lage, die den Grenzbezug erzwingt: Vermisstensuche über den Grat, Lawinenlage mit Kräften beider Seiten, Zubringung durch einen Hubschrauber des Nachbarlandes.

Beide Seiten als eigene Funkstellen

Deutsche und österreichische Kräfte in getrennte Räume, je mit eigenen Rufnamen. Die Übungsleitung besetzt beide Leitstellen als Gegenstellen.

Verbindungsaufnahme bewusst scheitern lassen

Der erste Versuch läuft absichtlich über den direkten Weg und schlägt fehl. Die Kräfte müssen die Rückfallebene selbst finden und ansteuern.

Gerätetausch durchspielen

Das Gerät des Nachbarn wird tatsächlich geholt, eingeschaltet, auf die richtige Gruppe gestellt und bedient. Wer es nicht kennt, merkt das hier.

Auswertung als Dokument

Ergebnis ist eine Seite Papier: Welcher Weg hat funktioniert, wie lange hat der Verbindungsaufbau gedauert, was fehlt uns?

Drei Übungsvarianten

  • Die Hubschrauber-Lage: Ein Luftrettungsmittel des Nachbarlandes kommt und kann die Bodenkräfte nicht direkt erreichen. Wie wird eingewiesen? Über welches Gerät, über welche Leitstelle?
  • Der Verbindungsoffizier: Eine Person beider Seiten übernimmt ausschließlich die Übersetzung zwischen den Netzen, mit je einem Gerät pro Hand. Trainiert wird, ob diese Stelle zum Nadelöhr wird.
  • Ausfall des Behelfs: Mitten in der Lage fällt das Nachbarland-Gerät aus (Akku leer). Bleibt die Führung handlungsfähig?

Auswertungsfragen

  • Wie lange hat der erste belastbare Kontakt über die Grenze gedauert?
  • Wusste jede Funkstelle, über welchen Weg sie die andere Seite erreicht, und zwar vor der Lage, nicht erst mittendrin?
  • Konnte jeder, der das Nachbargerät bedienen musste, es auch bedienen?
  • War klar getrennt, was Führungs- und was Mannschaftskommunikation ist?
  • Wurden Rufnamen des Nachbarn korrekt verwendet und verstanden?
  • Was davon gehört dauerhaft dokumentiert, damit es beim nächsten Mal steht?

Wie du eine Nachbesprechung führst, die solche Erkenntnisse sichert, steht unter Funkübung auswerten.

Ein Team, das über die Grenze hinweg arbeitet

Dass das funktioniert, wenn man es betreibt, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: Achtzehn Personen beider Organisationen bilden ein gemeinsames Kommunikationsteam, das die Verständigung bei gemeinsamen Einsätzen und Übungen sicherstellt und die Systeme laufend aufeinander abstimmt, bis hin zu abgestimmten künftigen Beschaffungen. Die Staatsgrenze verliert damit an Bedeutung (Höhlenrettung Österreich: Grenzüberschreitende Kommunikation). Für die Untertagerettung sind Cave-Link und Höhlentelefon ohnehin „mit geringem Aufwand kompatibel, austauschbar und von beiden Organisationen bedienbar“. Ein Hinweis darauf, dass Interoperabilität eine Frage der Absicht ist, nicht nur der Technik.

Wichtig: Netzkopplungen, zulässige Sprechgruppen und DMO-Frequenzen im Grenzraum sind regional und landesspezifisch geregelt und ändern sich. Die hier genannten Beispiele stammen überwiegend aus Tiroler und steirischen Unterlagen sowie aus Berichterstattung und dienen dazu, die Struktur des Problems zu verstehen. Verbindlich sind ausschließlich die Vorgaben deiner Leitstelle, deiner Organisation und der zuständigen Behörden. Kläre jeden konkreten Kommunikationsweg vorab ab, statt ihn in der Übung zu erfinden.

Meldungen und Regiebuch für so eine Lage

Eine grenzüberschreitende Lage hat mehr Funkstellen als eine normale Übung: beide Seiten, beide Leitstellen, gegebenenfalls ein Luftrettungsmittel. Damit über die gesamte Übungszeit gleichmäßig Verkehr entsteht und jede Stelle gefordert wird, erzeugst du die Meldungen in funkuebung.de aus einem Pool oder per KI, verteilst sie auf die Funkstellen und gibst sie als PDF oder per Zugangscode aus. Den Einstieg zeigt Wie erstelle ich eine Funkübung?, das Konzept dahinter Regiebuchübung.

Häufige Fragen

Können deutsche und österreichische Kräfte direkt funken?

In der Regel nicht. Beide nutzen TETRA, betreiben aber getrennte Netze, und Deutschland verschlüsselt zusätzlich. Trotz gemeinsamer Sprache ist direkter Funkverkehr daher meist nicht möglich.

Was hilft stattdessen?

Vor allem Gerätetausch: Geräte des Nachbarlandes werden dauerhaft vorgehalten, an grenznahen Stützpunkten und in Hubschraubern. Dazu koordinierte DMO-Frequenzen, Überleiteinrichtungen und der Weg über die Leitstellen.

Gibt es Sprechgruppen über die Grenze?

Ja, punktuell. In Tirol ist über HS-TIROL1 die ILS Rosenheim erreichbar, HS-TIROL2 dient als Überleitung Richtung Südtirol. Solche Lösungen sind regional und nicht überall vorhanden.

Warum ist die Schweiz ein Sonderfall?

POLYCOM basiert auf TETRAPOL, nicht auf TETRA. Das sind unterschiedliche Standards, die technisch nicht zusammenarbeiten. Zusätzlich lässt POLYCOM nur zugelassene Geräte zu.

Wann kommt eine echte Lösung?

Die ISI-Schnittstelle soll Netze koppeln, ähnlich wie Roaming im Mobilfunk. Ein flächiger Verfügbarkeitstermin war zuletzt nicht absehbar. Für Übungen gilt daher der heutige Stand.

Quellen

Weiterlesen

Grenzüberschreitende Lage aufbauen

Beide Seiten, beide Leitstellen, ein Luftrettungsmittel: funkuebung.de erzeugt die Meldungen und verteilt sie auf alle Funkstellen.

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